Das INTIA Projekt strebt eine Technikentwicklung an, die Jugendliche aus dem Kontext der Behinderten- und Jugendhilfe partizipativ mitgestalten. Es soll herausgefunden werden, welche digitalen bzw. technischen Hilfsmittel sich junge Menschen für ihren Alltag tatsächlich wünschen. Doch wie kann so ein Prozess der partizipativen Technikentwicklung gelingen?
Beispielhaft wird ein Prozess dargestellt, der in einer Maßnahme zur beruflichen Qualifizierung mit einer Gruppe von jungen Menschen mit Förderbedarf und ihrer Anleiterin stattfand. Er beschreibt die Phasen einer inklusiven Prototypenentwicklung.

Die zehn Qualifikant*innen aus dieser Gruppe waren Mitentwickler*innen (ME) zusammen mit drei Forscher*innen des INTIA Teams aus den Fachdisziplinen Servicedesign, Informatik, Soziotechnik und Soziale Arbeit. Unterstützung erhielten sie von der Anleiterin der beruflichen Qualifizierungsmaßnahme. Die Workshops mit den einzelnen Phasen fanden wöchentlich im Jahr 2019/2020 statt und dauerten 1,5 Stunden.

Phasen des Inklusiven Entwicklungsprozesses

Der Prozess zur Entwicklung der Prototypen erfolgte in verschiedenen Phasen:

Quelle: INTIA – Paper Function Mapping
  1. Aufwärmphase
    Um den Beginn eines jeden Workshops vom übrigen Arbeitsalltag der Jugendlichen abzugrenzen, suchten sich die MEs – im Sinne des partizipativen Grundgedankens – zu Anfang jeder Entwicklungssession ein Aufwärmspiel aus, womit auch eine lockere Atmosphäre für den Prozess der Technikentwicklung geschaffen werden konnte. Um dem Workshop einen Rahmen zu geben, ist der Prozess nicht nur inhaltlich beendet worden, sondern auch auf einer Beziehungsebene. Mit Hilfe von Punkten, die auf entsprechend vorgefertigte Smileys geklebt worden sind, konnte so eine Stimmungsabfrage eingeholt werden.
  2. Phase: Paper Function Mapping
    Zu Anfang ist mittels „Paper Function Mapping“ das technische Wissen der Jugendlichen ermittelt und erweitert worden. Mittels bereits existierender Geräte (z.B. Bügeleisen, Stereoanlage) sollten abstraktere Überlegungen angestellt werden, um so zu einer neuen Erfindung zu gelangen. Gleichzeitig wurden so die verschiedenen technischen Möglichkeiten vorgestellt. Die Zuordnung (engl. „Mapping“) vom konkreten Gerät zu abstrakter Abbildung ist Kernbestandteil davon gewesen (z.B. vom CD-Player zum Musikhören). Es war essenziell, dass die Jugendlichen verstehen, dass die Abbildungen auf Papier abstrakte Repräsentation des echten Geräts sind.
    Dadurch konnte eine Basis geschaffen werden, auf die das anschließende Prototyping aufbaut und mögliche neue Ideen entwickelt werden können.
  3. Quelle: INTIA – Paper Function Mapping
  4. Phase: Ideengenerierung: Was nervt?
    Um eine Ideengenerierung anzustoßen, ist die alltagspraktische Frage gestellt worden „Was nervt dich bei der Arbeit?“. Hier hat einer der MEs die Aussage getroffen, dass es ihn nervt, wenn ständig Leute in die Küche kommen und seine Arbeit unterbrechen, da dies seine Konzentration störe. Die eintretenden Personen würden meistens fragen, wo die Anleiter*innen der beruflichen Qualifizierungsmaßnahme zu finden sind.
  5. Phase: Reflexionsgespräch der artikulierten Alltagsprobleme
    Diese getätigte Aussage ist im Reflexionsgespräch mit der im Prozess anwesenden Anleiterin und zwei INTIA Mitarbeiter*innen aufgegriffen worden, indem eruiert worden ist, wie dieses Problem behoben werden könnte. In jenem Gespräch ist deutlich geworden, dass die Anleiterin in diesem abgeleiteten Bedarf auch einen Nutzen für andere MEs zum weiteren Gebrauch in Folgeeinrichtungen sieht. Eine mögliche Lösung des artikulierten Problems (nämlich dass eintretende und nachfragende Personen die Konzentration stören), kann hierbei das eigenständige Rufen der Anleiter*innen durch die Qualifikant*innen der Qualifizierungsmaßnahme sein.
  6. Phase: Validierung
    Um herauszufinden, ob jener abgeleitete Bedarf auch für die anderen MEs als potenziell relevant erachtet wird, sollte dieser in einem zweiten Termin, eine Woche später, auf Richtigkeit geprüft und der Gedanke in Zuge dessen mittels Behaviour-Driven Prototyping (BDP) technisch spezifiziert werden. Das BDP beantwortet die Frage „Wie lassen sich technische Lösungsideen aus einem gegebenen Bedarf prototypisieren?“ Die Forscher*innen des INTIA Teams schreiben hierfür zunächst das erfasste Problem auf eine Tafel: „Es nervt mich, wenn ich die Anleiterin suchen muss. Als Qualifikant in der Küche möchte ich die Anleiterin nicht suchen müssen. Damit ich keine wertvolle Arbeitszeit verschwende.“ So wird der Bedarf auf eine möglichst einfache Art vor den Augen der MEs definiert und veranschaulicht. Auf einer anderen Tafel werden Prototyping-Karten aufgehängt, um anhand existierender Technologien technische Lösungsideen zu prototypisieren. In Zuge dessen werden die Jugendlichen Folgendes gefragt: „Wenn ich einen Knopf drücke, dann geht eine Lampe – …?“. Eine der MEs antwortet darauf „an“ oder „aus.“. Diese Aussage nutzen die Workshop-Leiter*innen, um die Gruppe zu fragen, ob sie wissen, wie dies das geschilderte Problem lösen könnte.
    Quelle: INTIA – Platzierung des Prototypen
    Daraufhin wird überlegt, was für Eigenschaften das Rufsystem haben sollte und wie z.B. Reize (Töne, Licht) zum Rufen der Anleiter*in genutzt werden könnten. Dies warf Fragen wie: „Soll das Licht flackern?“ „Soll das System einen Joystick haben?“ oder „Würdet ihr in ein Mikrofon reinsprechen?“ auf. Bei diesen Überlegungen beteiligten sich die MEs unterschiedlich viel. Einige schienen mit Freude teilzunehmen, andere ließen sich eher schwer für die Geschehnisse begeistern und waren im Verlauf zurückhaltender. Um den MEs die weiteren spezifischeren Überlegungen so anschaulich wie möglich zu gestalten, wurde vor dem Termin ein erster Prototyp entwickelt, um haptisch und visuell die Funktionen und möglichen Hürden besser greifbar zu machen. Dieser Prototyp bestand aus einem Knopf (Sendegerät) und einem aufleuchtenden Licht (Empfängergerät), wenn der Knopf gedrückt wird. Zur weiteren Visualisierung hat die Anleiterin das Empfängergerät in der Hand gehalten und die MEs haben gemeinsam mit den Workshop-Leiter*innen überlegt, wo der Knopf am besten platziert werden sollte, damit er möglichst für alle Qualifikant*innen erreichbar ist. Alle sind gemeinsam durch die Arbeitsbereiche gelaufen und die Workshop-Leiter*innen fragten in die Gruppe, wo der Knopf am besten platziert werden solle. Einer der MEs entgegnete daraufhin: „Lieber an der Wand. Da würd‘s keinen stören.“ Daraufhin hält der Moderator das Sendegerät an die Wand und es wurde gemeinsam ausgetüftelt, welche Höhe oder Ort des Knopfes für alle passend wäre.
    Durch das BDP, welches u.a. das Testen des Prototypen als auch die Verknüpfung einer Idee bis hin zur Prototypisierung umfasst, konnten weitere notwendige Funktionen und Gegebenheiten für den Prototypen erhoben werden. Dadurch konnte mit dem BDP die Schwelle zur Partizipation bei der Technikentwicklung deutlich verringert werden, auch wenn nicht in Gänze, da die technischen Lösungsideen der MEs durch die INTIA Mitarbeiter*innen, wie Hardware verdrahten und Software programmieren, noch umgesetzt werden mussten.
  7. Phase: Anpassung des Prototypen
    Mit den Anregungen der MEs sollte der Prototyp in einem nächsten Schritt an jene erfassten Voraussetzungen angepasst werden und erneut mit den ME erprobt werden. Im vorliegende Fall (Frühjahr 2020) Leider konnten durch die Corona-bedingte Schließung der Einrichtung sowie das Aufteilen der MEs in unterschiedliche Betriebe auf Grundlage des Bundesteilhabegesetzes, diese weiteren Iterationen mit der Einrichtung nicht mehr durchgeführt werden, denn es fanden in der Qualifizierungsmaßnahme keine gemeinsamen Arbeitseinheiten mehr statt.

Reflexion der Herausforderungen

Weiter zu reflektieren gilt es, dass der gesteckte zeitliche Rahmen von wöchentlich 1,5 Stunden eine prozessuale Herausforderung darstellte. Jedoch war dieser durch die Aufnahme- und Konzentrationsfähigkeit der MEs im Vorhinein so festgelegt worden, damit keine Überforderungsmomente hervorgerufen werden. Dieser Abstand zwischen den einzelnen Terminen konnte jedoch gleichzeitig bedeuten, dass Vieles aus den vorigen Terminen wieder vergessen wird. Daher ist es zu vermuten, dass ein zeitlicher Modus, mit schnelleren aufeinanderfolgenden Terminen, begünstigend auf den partizipativen Technikentwicklungsprozess wirken könnte. Denkbar wäre eine „Erfinderwerkstatt“, d.h. eine Projektwoche mit kurzen, dafür täglichen Einheiten über eine bestimmte Zeitspanne hinweg. In welchem Modus diese Einheiten schlussendlich durchgeführt werden können, hängt individuell von den Rahmenbedingungen der Projektpartner und den MEs aus den jeweiligen Gruppen ab.

Weiterhin geht jede Personengruppe mit individuellen Herausforderungen und Möglichkeiten einher. Bei der hier vorgestellten Gruppe mit Jugendlichen mit Lernbeeinträchtigung, standen die INTIA Mitarbeiter*innen stets im Spannungsfeld zwischen einem offenen vs. lenkenden Prozess. Denn nur durch zielführende Richtungsweisungen konnte ein Ergebnis erzielt werden, jedoch sollten dabei die Ideen, Wünsche und Anregungen der MEs nicht übergangen werden. Auch stellte die Heterogenität der Gruppe im Grad der Abstraktion eine Schwierigkeit dar, denn die Jugendlichen brachten dahingehend unterschiedliche Voraussetzungen mit, wodurch sich manche im Verlauf mehr als andere einbringen konnten. Die aktive Beteiligung wurde zudem stark durch das persönliche Interesse am Projekt geprägt. Weiterhin war bei dieser Gruppe die Freiwilligkeit der Teilnahme stets zu hinterfragen, da sich der Technikentwicklungsworkshop während der Qualifizierungszeit abspielte und so bei einem Nicht-Teilnehmen die Alternative aus der täglichen Arbeit bestanden hätte.

Die Rolle der Fachkraft ist bedeutsam. Im vorliegenden Fall handelte es sich um die Anleiterin einer beruflichen Qualifizierungsmaßnahme. Die Fachkraft konnte im Laufe der Zusammenarbeit durch die bestehende Beziehung zu den MEs und ihr fachliches Know-How, wenn nötig, beratend zur Seite stehen und im Anschluss den Forschenden in der gemeinsamen Reflexion wichtige Ergänzungen und Eindrücke zum Gruppenprozess liefern. Die INTIA-Forschenden haben den Technikentwicklungsprozess vor Ort initiiert und begleitet. Dabei waren die unterschiedlichen Perspektiven gewinnbringend, denn nur so war der Prozess in seiner Tiefe durchführbar.

Der Prozess mit den MEs wird als erfolgreich gewertet: Es konnten Methoden entwickelt und erprobt werden, die den jungen Menschen mit Förderbedarf die Möglichkeit eröffnete, ihre Bedürfnisse zu erkenne, zu äußern, sowie an Technikentwicklungsprozessen zu partizipieren. Sie beteiligten sich an diesen Aktivitäten, die ihnen potenziell ermöglichte, Selbstwirksamkeit zu erfahren sowie ihre Skills in Teamarbeit und Abstraktion auszubauen.
Auch für INTIA war es ein Erfolg, denn durch diese Form der partizipativen Prototypisierung konnten neue Techniken und Methoden sowie Potentiale in der interdisziplinären Zusammenarbeit erprobt und geschaffen werden.

Alena Schmier, 06.04.2021