Gabriele Gramelsberger ist Professorin für Philosophie digitaler Medien an der Universität Witten/Herdecke sowie Mitglied des DFG-Netzwerks „Affect- and Psychotechnology Studies“ (Universitäten Potsdam, Paderborn, Lüneburg, Wien, Witten/Herdecke, TU Darmstadt, Folkwang Essen, HBK Braunschweig). Ihr Forschungsthema ist die digitale Transformation von Wissenschaft und Gesellschaft.

Die technologischen Entwicklungen der letzten Jahre – zum einen die Userzentrierung des vernetzt Digitalen durch Smartphones, Apps und soziale Medien, zum anderen die Transformation der Medialität in Sensorialität – rekonfigurieren die (Kommunikations-) Sphäre des Sozialen in ungeahntem Ausmaß. Durch die Einschreibung neuer Akteurs­differenzierungen (Quantified Self/Quantified Other) sowie die zunehmende Delegation sozial-affektiver Kontrolle (Nudging‚ Positive Computing, Affective Computing, etc.) an Algorithmen gewinnt das „technologische Unbewusste“ (Clough 2000, Thrift 2004), dessen Rede aus der Referenz auf Mark Weisers Vision des „ubiquitious computing“ resultierte, an Relevanz (Weiser 1991).1 Denn der Technizität „as bearer of unconscious thought” (Clough 2000: 17) gesellt sich die affektive Aufladung hinzu und zwar nicht wie bislang als Effekt emotions­starker Bildlichkeit oder generell Inhaltlichkeit, sondern als interaktive, kognitive (App-)Adressierung an das Quantified Self. Aus dieser Auslagerung des Affektiven in das technologisch Unbewusste resultiert das Möglichkeits- wie Gefahren­potenzial der sich formierenden „Care-IT“; kaschiert als „Sorge“ um das User-Individuum. Vor diesem Hintergrund fragt der Beitrag aus medien­philosophischer Perspektive nach der sich verschiebenden Selbst­konstitution und -technisierung des Individuums, und zwar als Wende der Subjekt­konstitution vom Innersten an die Peripherie. Diese Tendenz der Entäußerlichung individueller wie sozialer Aspekte der Selbst­konstitution erst schafft die aktuelle Bühne für neue Formen der Lenkung wie auch Selbst­ermächtigung.