Remi Maier Rigaud ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Sozialpolitik an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden.
Sarah-Lena Böning ist seit 2015 Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Promovendin an der Professur für Sozialpolitik und Methoden der qualitativen Sozialforschung am Institut für Soziologie und Sozialpsychologie (ISS) der Universität zu Köln.

Gesundheits- und Medizin-Apps verwandeln Smartphones in digitale Werkzeuge zur Förderung von Gesundheit, Wohlbefinden und Fitness bzw. für medizinische Zwecke wie Diagnostik oder Krankheitsbewältigung bei chronischen Erkrankungen. Vor allem Gesundheits-Apps, die durch einen präventiven Ansatz auf gesunde Menschen abzielen, werden in wachsender Anzahl in den App-Stores angeboten. Mithilfe von Funktionen wie Selbstmonitoring und der Anzeige von Gesundheitsoutcomes sowie medizinischer Informationen und Ratschläge wird der Kontext geändert, in dem Nutzer gesundheitsbezogene Entscheidungen treffen. Solche Apps werden daher auch vermehrt von gesetzlichen Krankenkassen angeboten, die Versicherte damit zu gesundheitsbewussten Verhaltensweisen anstoßen wollen, oder damit im Wettbewerb um junge und gesunde Versicherte aufwarten. In der Gesundheitsversorgung werden in Medizin-Apps wiederum große Hoffnungen gelegt, die Adhärenz von chronisch kranken Patient*innen zu stärken.

Gesundheits-Apps bieten dem Individuum die Chance, eigenmächtig die persönlichen Präferenzen (z.B. für einen gesunden Lebensstil) umzusetzen und dabei die individuelle Entscheidungsfreiheit zu bewahren. Sie bieten zudem auch vielfältige Chancen für den aktivierenden Sozialstaat angesichts anhaltender Bestrebungen im Gesundheitswesen, das Informationsniveau von Patient*innen zu erhöhen, sie zu Autonomie zu befähigen und ihren Handlungsspielraum zu erweitern. Als Empowerment-Instrument bergen Apps jedoch auch gleichsam die Gefahr der externen Kontrolle und Lenkung durch marktliche oder staatliche Akteur*innen sowie Leistungserbringer*innen, indem individuelle (Meta-)Präferenzen manipuliert, Informationen vorselektiert oder fehlinterpretiert werden, sowie Daten missbraucht werden.

In welche Richtung sich die Anwendung von Gesundheits- und auch Medizin-Apps weiterentwickelt, hängt auch davon ab, welche Erfahrungen Nutzer*innen von Gesundheits-Apps machen. In einem Forschungsprojekt, dass vom Kompetenzzentrum Verbraucherforschung NRW gefördert wurde, haben wir problemzentrierte Interviews mit Studierenden, die Gesundheits-Apps nutzen und solchen, die sie nicht nutzen, geführt. Anhand der Interviewdaten wollen wir einen Überblick über das Nutzer*innenverhalten geben, wie die Ambivalenz zwischen Selbstkontrolle und Fremdkontrolle, zwischen individuellen Präferenzen und kollektiver Anpassung von Nutzer*innen und Nicht-Nutzer*innen wahrgenommen wird und welche zukünftigen Anwendungsmöglichkeiten sich die Befragten vorstellen können. Hieraus werden Implikationen für Chancen und Risiken der Nutzung von Apps im Rahmen der Gesundheitsversorgung und Krankenversicherung im Wohlfahrtsstaat abgeleitet werden.